die turmuhr

Heute, wo man für ein paar Euro eine sekundengenaue Uhr kaufen kann, macht sich kaum noch jemand ein Bild davon, wie schwierig es für die Menschen der Antike und des Mittelalters war, sich im Tag zu orientieren. Damals gliederten die Tageszeiten den Tag; man orientierte sich am Stand der Gestirne, und nutzte evtl. noch Sonnenuhren. Die Römer teilten die Tage in Wachzeiten ein - was auch in der Bibel überliefert ist.

Wer die erste Uhr erfunden hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Auf jeden Fall liegt die Erfindung der Uhr schon Jahrtausende zurück. Aus China und auch aus Ägypten ist die Existenz früher Wasseruhren überliefert. Um das Jahr 1000 soll der Mönch Gerbert aus Aurillac in Frankreich, der spätere Papst Silvester II die erste Räderuhr gebaut haben. Schon vorher läuteten die Benediktiner zu Beginn der Gebetszeiten, die sich an der Zeiteinteilung der römischen Wachen orientierten (jeweils alle drei Stunden war Wachwechsel.). Dank der Uhr konnte man nun zur genauen Zeit zum Gebet zusammenkommen.

Um 1269 ist erstmals der Beruf „Uhrmacher“ belegt. In der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts wurden die ersten Uhrwerke als maßgebliche Zeitanzeiger auf den Türmen von Kirchen oder Rathäusern angebracht. Sie wurden aus Eisen geschmiedet und waren sehr ungenau; nach heutigem Verständnis gingen sie gerne eine halbe bis eine ganze Stunde falsch.

Diese ersten Uhren (ab 1344 in Padua - Deutschlands erste Schlaguhr wurde 1358 am Rathaus in Regensburg angebracht. ) gaben zunächst nur akustische Zeitangaben mit Glockenschlag. Die ersten Zifferblätter (ab ca. 1500 - 1750) besaßen auch nur einen Stundenzeiger. Das Bild zeigt eine Uhr aus dem Jahre 1700. Das Geheimnis dieser Uhren war das Räderwerk, bei dem größere Zahnräder kleinere (die Triebe) in Drehung versetzten. Ein Mechanismus namens Hemmung bremste dabei die Kraft des „fallenden“ Gewichtes so ab, daß die Räder sich in gleichbleibender Geschwindigkeit bewegten. Uhrwerke mit zusätzlicher Minu-ten- und Sekunden-anzeige, also mit größere Genauigkeit als die Stunden-Räderuhren, wurden erst mit der Erfin-ung des Pendels durch den holländi-chen Mathematiker und Physiker Christiaan Huygens (1656/57) möglich; mit seiner Erfindung begann das eigentliche „Sekundenzeitalter“.

Hierzulande hat man die neue Erfindung schon früh mehr geschätzt als beispielsweise in Italien, wie ein Tagebucheintrag Goethes belegt: „Der Mensch, der hier lebendig lebt, kann nicht irre werden, weil jeder Genuß seines Daseins sich nicht auf die Stunde, sondern auf die Tageszeit bezieht. Zwänge man dem Volk einen deutschen Zeiger auf, so würde man es verwirrt machen, denn der seinige ist innigst mit der Natur verwebt.“

Heute sind mechanische Turmuhren nur noch selten in Betrieb, die moderne Technik mit quarzgesteuerten Werken und auch die aufwendige, schwierige Pflege der Uhren haben dazu ihren Beitrag geleistet.

Wohl erst seit Frühjahr 1962 besitzt auch St. Marien eine eigene Turmuhr der Firma „van de Kerkhoff“ aus den Niederlanden. Eine der klassischen mechanischen Turmuhren war bei uns nie installiert. Den Antrieb der riesigen Zeiger besorgte eine besondere Mechanik, die von einer Uhr im Format einer Wohnzimmeruhr angetrieben wurde. Heute wird die Mechanik mit einer elektronischen Uhr angetrieben, die ihren Zeitimpuls von der Atomuhr in Darmstadt per Funk empfängt. Präziser als unsere Turmuhr kann also keine Uhr sein.

Auch wenn unser Pastor es liebt, den Gottesdienst mit dem Glockenschlag zu beginnen: Religiöse Bedeutung haben die vielen Turmuhren nicht. Dennoch gliedert ihr Glockeschlag den Tag. Zu Beginn und zum Ende der Arbeit lädt das Glockenläuten des „Engel des Herrn“ zu einem Morgen- oder Abendgebet ein. Normalerweise wäre das um sechs und um achtzehn Uhr - in Anlehnung an die Gebetszeiten der Mönche und an die römischen Wachzeiten; der Zeitrechnung in Israel zur Zeit Jesu.

Heute orientiert sich zumindest die morgendliche Zeit an den Ruhebedürfnissen der Menschen und auch viele Orden haben Gebetszeiten eingeführt, die einen anderen Tagesrhythmus erlauben. Nur strenge, oft benediktinische Orden beten um 6.00 Uhr die Laudes; um 9.00 Uhr die Terz; um 12.00 Uhr die Sext; um 15.00 Uhr die Non; um 18.00 Uhr die Vesper und um 21.00 Uhr die Komplet. Um 24.00 Uhr beginnt in solchen Orden die mitternächtliche Gebetszeit mit Hl. Messe. Um zwölf Uhr mittags kennen wir bis heute das Totenläuten; auch das eine Einladung zum Gebet für die Verstorbenen.

In Guatemala habe ich erlebt; daß man mit der Uhrzeit ganz anders umgeht als hierzulande: Um 9.00 Uhr sollte die Messe beginnen, doch um kurz nach neun saß der Pater noch immer in aller Ruhe in einer Gesprächsrunde. Auf meine Frage erklärte er mir: Nicht die Messe fängt um neun an - nein; wenn die Messe beginnt, dann ist es neun Uhr.