die architektur der marienkirche

Beginnen wir unseren virtuellen Kirchenführer mit der Beschreibung des Kirchengebäudes selbst. Leider sind uns dazu keine Unterlagen des Architekten Hermann Merl aus Wesel überliefert, so daß wir auf Chronik, alte Zeitungsartikel und Erkenntnisse der Kunstgeschichte zurückgreifen müssen.

Der Kirchenvorstand beschloß im Juli 1929 den Bau einer neuen Kirche. Schon 1930 segnete der Pastor den Bauplatz Geruestein, wo dann der erste Spatenstich ausgeführt wurde (9. März). Am 6. Mai begannen die Bauarbeiten.

Um Bergschäden zu verhindern, erbaute man auf einem Fundament aus Ziegeln und Beton ein Stahlgerippe, ein Verfahren, das zur damaligen Zeit eher selten war, setzte man doch schon auf die Möglichkeiten des Bauens mit Eisenbeton.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein bevorzugte man für den Neubau katholischer Kirchen das Vorbild mittelalterlicher Baukunst. Sehr viele neogotische Kirchen entstanden. Ein Beispiel in Dinslaken ist die Herz-Jesu Kirche in Oberlohberg, die 1896 vollendet wurde.

Bei den seit 1900 erbauten Kirchen ist auffällig, daß man die Innenräume immer übersichtlicher gestaltete. Das breite, hohe Hauptschiff nahm alle Kirchenbänke auf, die Seitenschiffe wurden zunehmend auf die Funktion von schmalen Seitengängen reduziert. Das können wir auch Mariinn2in St. Marien beobachten.

Dieser Baustil blieb bis zum 2. Vatikanischen Konzil für Kirchenneubauten üblich. Der Architekt wollte so einen Raum schaffen, in dem die vielen Menschen unterschiedlicher Religiosität und Herkunft (typisch für das Ruhrgebiet) sich als Kinder eines gemeinsamen Vaters heimisch fühlen konnten.

Daher stellte man den Altar ganz in den Mittelpunkt und gestaltete das Kirchengebäude so, daß der Blick aller Christen auf den Hochaltar mit dem Tabernakel geleitet wurde.

Der befand sich bei uns ja damals unterhalb der Schutzmantelmadonna in unserer Kirche. Der Altar wurde durch Stufen so hoch gerückt, daß jeder Kirchenbesucher freien Blick darauf hatte und durch geschickt angebrachte Fenster wurde er besonders beleuchtet.

RohbauMann nannte dies „christozentrische Kirchenkunst“, da man die Mitte des Glaubens, Jesus Christus selbst, betonen wollte. Kein Wunder, daß viele in dieser Zeit entstandene Kirchen die Namen Herz Jesu (mit Bezug zu Euchristieverehrung) oder Heilig Kreuz bekamen.

Es stellt sich noch die Frage, in welchen Architekturstil man unsere Kirche einordnen kann. Auf die ursprünglichen Pläne zur Errichtung einer neoromanischen Kirche griff man nicht zurück.

Während die Kirchen des Mittelalters vor allem die Herrlichkeit Gottes und seines Reiches widerspiegeln , die Gläubigen beeindrucken und (durch Bildwerke, Altäre etc.) belehren sollten - entwickelte sich am Anfang des Jahrhunderts ein neues Bauideal.

ZeicinneEs dürfte richtig sein, in unserer Kirche ein expressionistisches Bauwerk zu sehen. Beim Expresssionismus denkt man zunächst an Maler und Bildhauer wie Paula Modersohn-Becker, Emil Nolde, Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Der Name dieser Stilrichtung entstand, weil die Künstler in ihrer Kunst Wert darauf legten, ihr inneres Erleben künstlerisch umzusetzen.

In der Architektur ergibt sich daraus der Anspruch, ein Gebäude zu schaffen, dessen Gestaltung sich an der Funktion, zu der es dient, orientiert. Ziel der Künstler war die Überwindung der Baustile, die auf historische Vorbilder zurückgriffen, wie Neogotik, -romanik und Klassizismus. Die Architektur sollte sich an den Bedürfnissen der feiernden Gemeinde orientieren. Der äußere Schmuck und die Gestaltung des Gebäudes wurde zweitrangig. Diese Gedanken spielten auch beim Entstehen der Bergbausiedlung Lohberg eine Rolle und in der Zeit entstanden viele bekannte Industriebauten.

Kennzeichnend für expressionistische Architektur sind die Verwendung von Ziegeln und deren Nutzung zur Dekoration und zum Schmuck eines Gebäudes. Überhaupt waren Ziegel für das Ruhrgebiet ein ideales Material, waren sie doch widerstandsfähig und preiswert herzustellen. Das für expressionistische Bauten kennzeichnende Gliederungsschema ist eine regelmäßige Folge von kantigen, rechteckigen Formen. Als Bauschmuck dienten phantasievoll entworfene Friese, Mosaike, Buchstaben oder sogar Skulpturen aus Ziegeln und Klinkern. Das ist ja bei uns deutlich zu sehen, denken Sie an die Turminschrift und die zahlreichen Christussymbole, Kreuze und Friese außen an der Kirche.

KirczeicViele dieser Bauten, auch St. Marien, wirken gerade durch ihre Ziegelfassaden sehr eindrucksvoll. Manche Besucher unserer Kirche glauben in der Architektur von St. Marien frühe faschistische Architektur zu erkennen. Der Faschismus orientierte sich aber im Gegenteil an einer vom Klassizismus (Rückgriff auf römische und griechische Bauformen) abgeleiteten Monumentalarchitektur und fragte wenig nach der Funktion der entstehenden Gebäude.

Auf die Frage „Wie kam Lohberg zu seiner Marienkirche“ gibt Pastor Nienhaus in einem Anhang zur Pfarrchronik eine Antwort. Als junger Kaplan in Uedem nahm er im Jahre 1908 anläßlich der 50. Wiederkehr der Erscheinungen der Gottesmutter in Lourdes an einer Wallfahrt teil. Diese Wallfahrt hat den jungen Priester stark beeindruckt, denn er erlebte vier außergewöhnliche Heilungen.

„Nach all diesen Erlebnissen gab ich der lieben Gottesmutter das Versprechen, daß, wenn ich mal eine Kirche bauen müßte, diese eine Immakulata - Kirche sein solle. Dieses Versprechen konnte ich mit der Gnade Gottes 1930 - 32 einlösen durch den Bau der Lohberger St. Marienkirche.“ So erklärt es sich also, daß wir am 8. Dezember unser Patronatsfest feiern, das ist das Hochfest der Immakulata, der Unbefleckten Empfängnis, der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Die besondere Verbindung nach Lourdes zeigt sich auch durch das Lourdes-Fenster (mittleres großes Fenster rechts) und die Tatsache, daß sich Maria in Lourdes dem Hirtenmädchen Bernadette Sourbirous als „Unbefleckte Empfängnis“ vorstellte, vier Jahre, nachdem der Papst 1854 dieses Dogma als Glaubenssatz der Kirche feierlich verkündete. Gefeiert wurde dieses Fest allerdings schon seit vielen Jahrhunderten.

Leider hat Pastor Nienhaus in der Pfarrchronik kaum etwas zu Architektur und Kunst unserer Kirche aufgeschrieben. Durch Zufall stießen wir in der Schulchronik der Marienschule auf einen Zeitungsartikel vom Sonntag, 11.12.1932, der in unserer Chronik bisher fehlte.

Dieser Artikel bestätigt weitgehend, was ich oben über die Architektur der Marienkirche geschrieben habe. Dort heißt es weiter: „Die Kirche entspricht in ihrer ganzen Gestaltung dem Geiste der neuzeitlichen Kirchenbaukunst, ohne die bewährten Formen der überlieferten Baukunst zu verlassen. Der Grundgedanke der Kirche ist die altchristliche Basilika, die der Jetztzeit angepaßt wurde. ... Leider macht schon das Äußere so mancher Kirchenbauten unserer Tage einen mehr abstoßenden als anziehenen Eindruck. Man meint eine Fabrikanlage, ein Kino oder dergleichen vor sich zu haben, aber keine Kirche. Dieser Eindruck ist bei der Lohberger Kirche glücklicherweise ganz vermieden worden. Sie ist eine Kirche und hat auch das Äußere einer Kirche.“

Unsere Kirche hat eine Länge von 42 Metern und eine Breite von 22 Metern. Ohne Bänke böte sie bis zu 1.400 Personen bequem Platz. Sitzplätze gibt er zur Zeit ca. 400.

„Lohberg“, so heißt es weiter in dem Artikel: „hat ein herrliches Gotteshaus erhalten, das sich würdig an die Seite der schönsten Gotteshäuser in unserer ganzen Diözese stellen kann.