1. station

1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

Zu dieser Station müsste man die Berichte der vier Evangelien lesen, wo die Verurteilung Jesu ausführlich beschrieben wird.
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Auf unserem Bild sehen wir drei Personen. Pilatus, der römische Statthalter, Jesus, mit Dornen bekrönt, in einen Purpurmantel gehüllt, ein Schilfrohr als Zepter in seiner Hand. Schließlich einer der Kriegsknechte der Römer, die ihn als „Spottkönig“ vorführten.

Aus den königlichen Attributen Krone, Mantels und Zepter werden Marterwerkzeuge, die Zeichen seelischer und körperlicher Folter. Das wirkt wie eine Umsetzung des Jesus-Wortes „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“.

Von den Händen des Pilatus tropft das Wasser. Bei Matthäus lesen wir: „Als Pilatus sah, daß er nichts erreichte, ... ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen.“ Das Sprichwort „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ kommt uns in den Sinn. Es steht zweimal im Buch der Psalmen, wo es die Reinheit (äußerlich und innerlich) eines Menschen beim Gottesdienst bezeichnet. Hier allerdings versucht sich Pilatus feige der Verantwortung zu entziehen. Nach römischem Recht war er allein der Verantwortliche, er allein der Herr über Leben und Tod. Er sprach im Namen des Kaisers das Urteil. An seinen Händen klebt das Blut Jesu, schon deshalb, weil er es war, der ihn geißeln und foltern ließ.

Bei Matthäus findet die Folterung erst nach dem Todesurteil statt. Unser Maler folgt daher der Darstellung des Johannes, wo Jesus nach der Geißelung dem Pilatus vorgeführt wird, erst dann fällt das Todesurteil. Jesus steht vor seinem Richter, als ginge ihn das alles nichts an. Im Evangelium lesen wir, daß Jesus Pilatus gegenüber bestreitet, daß dieser über ihn richten dürfe. „Du hast keine Macht über mich!“ Jesus ergibt sich in sein Schicksal, auch in der Spottkleidung wirkt er würdig, gelassen. Der Folterer tritt in den Hintergrund. In seinen Händen trägt er noch den Stab, mit dem er zuschlug und die Fesseln, an denen er Jesus in den Gerichtssaal gezogen hat. Er ist jemand, der gewissen- und herzlos Befehle ausführt und mit dem Wehrlosen noch Spott treibt.

kreuzweg einsAlternativ noch eine Betrachtung der 1. Station im Kreuzweg von Sieger Köder, der vor dem Repke-Kreuzweg unsere Marienkirche schmückte:

Zwei finstere Gestalten blicken Jesus an; der eine klammert sich an seine Thora-Rolle, der andere wäscht seine Hände in Unschuld - und trotzdem färbt sich das Wasser in der Schüssel blut-rot.

Der Künstlerpfarrer Sieger Köder, der die erste Station unseres Kreuzweges gemalt hat, stellt damit die Verurteilung Jesu durch die religiösen und staatlichen Autoritäten dar. Der jüdische Hohepriester Kajaphas und der römische Statthalter Pontius Pilatus verurteilen ihn zum Tode; der eine, weil er seine Botschaft für Ketzerei hält, für Abfall vom überlieferten Glauben der Väter; der andere, weil ihn die Unruhe irritiert, die das im Lande Israel verursachte. Ein römischer Statthalter hat für Ruhe zu sorgen, die Pax Romana, den römischen Zwangsfrieden zu gewährleisten. Ja, wer ist denn nun Schuld am Tode Jesu: die Juden oder die Römer?

So paradox die Frage heute klingt, so verhängnisvoll war sie in den Jahrhundeten der Kirchengeschichte, diente sie doch dazu, das jüdische Volk, die jüdischen Gemeinden als „Christusmörder“ zu verfolgen. Als ob der einzelne Jude, hunderte von Jahren nach dem Tode Jesu, hierfür die persönliche Verantwortung zu tragen hätte, für eine kollektive Schuld noch immer büßen müsse.

Nach dem Bericht des Matthäus rief das Volk bei der Verurteilung: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“. Hätte er doch diesen Satz nie geschrieben (den kein anderer Evangelist überliefert). Selbst wenn die bei der Verurteilung anwesenden Menschen ihn wirklich gerufen haben - waren es nicht viel mehr Personen als die, die heute mit ihnen in der Kirche sind.

Pilatus kommt ja in der Gerichtsszene ganz gut weg. Nach der Überlieferung der Evangelien möchte er Jesus gar nicht verurteilen, weil er ihn eher für einen religiösen Wirrkopf hält, einen aus der jüdischen Religion, die er sowieso verachtet. Ganz bestimmt wollte er sich nicht dazu hergeben, ein Urteil des jüdischen Hohen Rates zu vollstrecken. Er handelte nach dem Motto: „Wer leben oder sterben soll, bestimme ich!“ Wahrscheinlich war Jesus ihm völlig egal - auf einen Gekreuzigten mehr oder weniger kam es damals nicht an. Schließlich galt der römische Statthalter (von 26 - 36) als brutaler, harter Regent. Er verlor sein Amt später wegen seines rücksichtslosen Vorgehens gegen die Samaritaner.

Jesu Wirken wird er wahrscheinlich als Angriff auf den römischen Herrschaftsanspruch verstanden haben und diesen Rückschluß erlaubt auch die Tötungsart, denn die Kreuzigung galt damals als die grausamste und schändlichste Strafe für Aufrührer. Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass es nur ein kleiner, aber einflussreicher Kreis war, der Jesus beseitigen wollte. Im Volk war Jesus größtenteils beliebt. Und bis in hohe pharisäische, aber auch priesterliche Kreise hatte Jesus Sympathisanten. Pilatus dagegen kannte keine Skrupel, wenn es um die Durchsetzung seiner Macht ging. In frühester Zeit stellte in der Kirche niemand die Frage, wer Schuld am Tode Jesu sei - es herrschte unter Jesu Anhängern die Überzeugung, daß er, der Christus, für alle Sünder in den Tod gegangen ist. Die historische Schuldfrage wird dadurch unwichtig, was gewiss im Sinne Jesu war, der seinem Tod bewußt entgegen ging.